05. Mai 2026

Klasse 1B der Berufsfachschule Pflege an den BBS III Stade erlebt bewegende Einblicke in das Leben mit Enterostoma
Es ist ein Thema, das im Lehrbuch sachlich beschrieben wird – und im echten Leben oft mit Mut, Geduld und persönlicher Stärke verbunden ist: das Leben mit einem künstlichen Darmausgang. Genau diese Perspektive brachten Alfred und Barbara Houkes von der deutschen ILCO-Selbsthilfegruppe in den Unterricht ein.
Auf Einladung von Pflegelehrerin Lissa Ebel-El Fadely besuchte das Ehepaar Houkes die Klasse 1B der Berufsfachschule Pflege. Die Auszubildenden beschäftigen sich derzeit mit der Stomaversorgung und erhielten durch den Besuch die besondere Möglichkeit, nicht nur theoretisches Wissen zu vertiefen, sondern einem Betroffenen und seiner Angehörigen persönlich zu begegnen.
Alfred Houkes, Vorsitzender der Selbsthilfegruppe, lebt seit vielen Jahren selbst mit einem dauerhaften Ileostoma. Besonders das erste halbe Jahr nach der Operation sei eine große Herausforderung gewesen, berichtet er offen. Doch mit bemerkenswerter Willenskraft – und gemeinsam mit seiner Frau als starkes Team – kämpfte er sich Schritt für Schritt zurück ins Leben. Drei Jahre später konnte er sogar wieder seinem Hobby, dem Tauchen, nachgehen. Für viele im Raum wurde in diesem Moment greifbar, was die Annahme einer „neuen“ Körperintegrität, mentale Stärke und sozialer Rückhalt bedeuten.
Barbara Houkes, Sozialpädagogin, ergänzte die medizinischen, praktischen und persönlichen Einblicke ihres Mannes um eine weitere wichtige Perspektive: die der Familie. Innerhalb der ILCO engagiert sie sich besonders für Angehörige und spricht über deren Fragen, Sorgen und Unsicherheiten, die im Alltag oft zunächst im Hintergrund stehen.
Der Austausch mit den Schülerinnen und Schülern war offen, direkt und von großem Interesse geprägt. Thematisiert wurden unter anderem Ernährungsfragen – etwa, warum ballaststoffreiche Kost häufig nicht mehr vertragen wird – sowie der Umgang mit Medikamenten und die Berücksichtigung möglicher Nebenwirkungen und einer veränderten Wirkstoffaufnahme. Auch praktische Aspekte spielten eine zentrale Rolle: der Wechsel von Stomabeuteln, die Auswahl geeigneter Versorgungssysteme und hilfreiche Tipps für den Alltag.
Besonders anschaulich wurde der Unterricht durch die mitgebrachten Materialien: Vielfältige Broschüren und Stomaversorgungsprodukte konnten von den Auszubildenden betrachtet und in die Hand genommen werden. Die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und Fragen zu stellen, wurde durch die Auszubildenden intensiv genutzt.
Deutlich wurde dabei auch, wie wichtig es ist, dass angehende Pflegefachfrauen und -männer keine Berührungsängste im Umgang mit der Stomaversorgung haben und dass sie die psychosoziale Pflege im Umgang mit Betroffenen berücksichtigen. Ein solcher Austausch, darin waren sich alle einig, kann kein Lehrbuch ersetzen.
Was von diesem Besuch bleibt, ist mehr als Fachwissen und die Wichtigkeit der Selbsthilfe. Es ist die Erfahrung, wie sehr Pflege vom Verstehen, Zuhören und vom echten zwischenmenschlichen Kontakt lebt.
Und die Erkenntnis: Hinter jeder Versorgung steht ein Mensch mit seiner ganz eigenen Geschichte.
Seit Anfang der 2000er-Jahre engagiert sich die ILCO-Selbsthilfegruppe in Stade und Rotenburg/Wümme. Unterstützt wird der Bundesverband bereits seit den 1970er-Jahren unter anderem durch die Deutsche Krebshilfe und die gesetzlichen Krankenkassen. In Stade besteht zudem eine enge Zusammenarbeit mit dem Elbeklinikum Stade, wo regelmäßig Treffen für Betroffene stattfinden.
(Informationen zur ILCO-Selbsthilfegruppe erhalten Sie unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)